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ADHS bei Erwachsenen: Diagnose, Behandlung und was online möglich ist

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Wie eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen abläuft, wer sie stellen darf, warum Stimulanzien ärztlich gebunden sind und was Online-Angebote leisten können.

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Verfasst von Jan-Henrik Behrens, Betreiber von Online-Therapie-Vergleich.de · Zuletzt aktualisiert: September 2026 · Zur Bewertungsmethodik

Es beginnt oft mit einem Video, in dem sich plötzlich alles wiedererkennt: die zwölf offenen Tabs, die Steuererklärung vom letzten Jahr, das Gefühl, seit dreißig Jahren gegen den eigenen Kopf zu arbeiten. Nach unseren Suchvolumendaten tippen jeden Monat rund 15.000 Menschen „ADHS-Test Erwachsene" in eine Suchmaske. Die Frage dahinter ist fast immer dieselbe: Bin ich das – und wie finde ich es heraus?

Auf dieser Seite findest du keinen Test; die Begründung steht im ersten Abschnitt, weil sie zum Thema gehört. Stattdessen erklärt dieser Artikel, wie eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen abläuft, wer sie stellen darf, warum die Medikation an einer harten rechtlichen Grenze hängt und was Online-Angebote leisten können. Die genannten Zahlen und Rechtsgrundlagen sind an die im Quellenblock verlinkten Primärquellen gebunden.

Wenn es jetzt nicht warten kann: Eine unbehandelte ADHS ist kein Randthema: Die S3-Leitlinie referiert eine schwedische Registerstudie mit erhöhtem Verkehrsunfallrisiko und eine dänische Kohortenstudie mit 1,9 Millionen Personen, davon 32.061 mit ADHS, in der die Mortalitätsrate schon ohne wesentliche Begleiterkrankungen um den Faktor 1,5 erhöht war; kamen Suchterkrankungen oder Störungen des Sozialverhaltens hinzu, stieg das Risiko weiter, und die häufigste Todesursache waren Unfallereignisse. Kommt bei dir ein Suchtproblem oder eine depressive Krise dazu, brauchst du unmittelbar fachliche Hilfe – keine Warteliste und keine Plattform. Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr), ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117, im Notfall 112. Die psychiatrische Notaufnahme einer Klinik nimmt dich ohne Termin und ohne Überweisung.

Warum auf dieser Seite kein ADHS-Test steht

Fragebogenverfahren zur ADHS gibt es, und sie sind fachlich etabliert – nur sind sie etwas anderes, als Onlinetests vorgeben zu sein. Die deutschsprachigen Verfahren für Erwachsene sind veröffentlichte Testmanuale mit Normwerten und Auswertungsregeln: aus den Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE) die ADHS-Selbstbeurteilungsskala, die deutsche Kurzform der Wender-Utah-Rating-Skala und das Wender-Reimherr-Interview, dazu die Conners-Skalen für Erwachsene in Selbst- und Fremdbeurteilung (CAARS), das ADHS-Interview aus der Integrierten Diagnose für ADHS im Erwachsenenalter (IDA) und der Kölner ADHS-Test für Erwachsene (KATE). Sie sind Fachpersonen vorbehalten, und die S3-Leitlinie formuliert genau: Die Diagnose soll nicht ausschließlich auf der Grundlage von Fragebogenverfahren gestellt werden, zur vertieften Exploration der Symptomatik oder koexistierender Symptome sollten sie dagegen eingesetzt werden — in der Leitliniensystematik eine Empfehlung des Grades B, keine zwingende Vorgabe. Sie ergänzen die Diagnostik, sie entscheiden sie nicht. Zitiert wird hier durchgehend Version 1.0 der Leitlinie von 2018 – ihre Gültigkeit ist 2022 abgelaufen, die Aktualisierung liegt als Konsultationsfassung vor.

Ein Onlinetest kann diese Lücke nicht schließen, weil ihm fehlt, was die Diagnose ausmacht: die Abgrenzung gegen zwei Dutzend andere Störungsbilder, die Beurteilung der Funktionsbeeinträchtigung, die Kindheitsanamnese, die körperliche Untersuchung. Was er produziert, ist eine Zahl ohne ICD-Code – ohne Wert für einen Kassenantrag und ohne Weg zu einem Rezept.

Dazu kommt ein Punkt, der uns betrifft: Diese Seite finanziert sich über Provisionen. Ein Portal, das ein Screening anbietet und das Ergebnis auf bezahlte Anbieter leitet, hat einen Interessenkonflikt – unabhängig davon, wie gut der Fragebogen wäre. Software, die Gesundheitsdaten auswertet und daraus eine Aussage über eine Erkrankung ableitet, rückt außerdem in die Nähe dessen, was als Medizinprodukt gilt. Nützlicher ist zu wissen, wie die echte Abklärung aussieht – damit du erkennst, wenn dir jemand etwas anderes verkauft.

Was ADHS im Erwachsenenalter ist – und was die Diagnose verlangt

ADHS ist durch drei Kernsymptome gekennzeichnet: Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität, wobei nicht alle drei ausgeprägt sein müssen. Entscheidend ist nicht das Vorhandensein einzelner Merkmale – Unkonzentriertheit kennt jeder –, sondern dass sie in einem für Alter und Entwicklungsstand abnormen Ausmaß vorliegen, situationsübergreifend auftreten und deutliches Leiden oder Einschränkungen der Funktionsfähigkeit verursachen.

Kodiert wird in Deutschland nach ICD-10-GM: Die hyperkinetischen Störungen stehen unter F90, eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in Kindheit und Jugend unter F98.80 – im Erwachsenenalter praktisch häufig relevant, weil die hyperaktiv-impulsive Symptomatik über die Jahre eher zurückgeht, während die Unaufmerksamkeit bestehen bleibt.

Am deutlichsten trennen sich Selbsteinschätzung und Diagnostik beim Beginn: Beide Klassifikationssysteme verlangen Hinweise auf eine Symptomatik in der Kindheit. Eine ADHS entsteht nicht mit 34; wenn die Beschwerden erst im Erwachsenenalter begonnen haben, liegt eine andere Erklärung näher – eine Unterscheidung, die niemand am Küchentisch erledigt.

KriteriumICD-10 (Hyperkinetische Störungen)DSM-5 (ADHS)
Beginn der Symptomatikvor dem siebten Lebensjahrmehrere Symptome vor dem Alter von zwölf Jahren
Situationsübergreifendmehr als eine Situation; Nachweis erfordert in der Regel mehr als eine Informationsquellezwei oder mehr Lebensbereiche
Beeinträchtigungdeutliches Leiden oder Einschränkung der Funktionsfähigkeitdeutliche Hinweise auf Beeinträchtigung des Funktionsniveaus
Kodierung in DeutschlandF90.0, F90.1, F90.8, F90.9; ohne Hyperaktivität F98.80wird für die Abrechnung auf ICD-10-GM abgebildet

Wie eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen tatsächlich abläuft

Die S3-Leitlinie beschreibt, worauf die Diagnose gestellt werden soll – die stärkste Formulierungsstufe, die eine Leitlinie kennt. Im Kern ist es eine umfassende strukturierte Exploration, kein Ausfüllen von Bögen; empfohlen wird, dass die diagnostizierende Person mit mindestens einem standardisierten strukturierten Interview vertraut ist. Erhoben werden Art, Häufigkeit und Intensität der Symptome in verschiedenen Lebensbereichen und die daraus folgenden Einschränkungen – Symptomatik und Beeinträchtigung sind beide notwendige Voraussetzungen –, dazu Beginn und Verlauf, die Rahmenbedingungen in Schule und Beruf, frühere Behandlungen und die Familienanamnese.

Bei Fremdanamnese und Schulunterlagen ist die Leitlinie nüchterner als viele Ratgeber. Im Erwachsenenalter basiert die Beurteilung vor allem auf den eigenen Angaben im diagnostischen Interview; diese sollten mit denen enger Bezugspersonen abgeglichen werden, sofern verfügbar. Einen belegten Zugewinn an Genauigkeit durch zusätzliche Fremdanamnese gibt es nicht; für die Frage nach der kindlichen Symptomatik können Elternangaben aber hilfreich sein. Schulzeugnisse können Hinweise enthalten, ihre diagnostische Validität ist nicht belegt. Praktisch: Bring mit, was du hast; wenn nichts existiert, ist die Diagnostik nicht unmöglich.

Die körperliche und neurologische Untersuchung ist obligat; sie soll körperliche Ursachen und Gegenanzeigen für eine Medikation erkennen. Daraus folgt ein Punkt, der für Online-Angebote zentral ist: Stellt eine Psychologische Psychotherapeutin die Diagnose, sollte die körperliche Untersuchung zusätzlich ärztlich erfolgen – eine Empfehlung, keine starre Vorgabe. Eine Laborroutine ist dagegen nicht erforderlich. Und die Diagnose soll nicht allein auf psychologischen Tests gestellt oder ausgeschlossen werden: Es gibt keinen Bluttest, keinen Hirnscan und keinen Computertest, der ADHS feststellt. Dass du im Gespräch konzentriert wirkst, ist übrigens kein Gegenargument – die Symptome müssen in der Untersuchungssituation nicht auftreten.

BausteinWelche Rolle er spieltWas er nicht kann
Strukturierte ExplorationKern der Diagnose; Orientierung an einem standardisierten Interview empfohlenersetzt nicht die Differenzialdiagnostik
Kindheitsanamnesenotwendige Bedingung – ohne Hinweise auf einen Beginn in der Kindheit keine Diagnoseist auf Erinnerung angewiesen, also fehleranfällig
Fremdanamnese und Schulunterlagenhilfreich für die Frage nach der kindlichen Symptomatikbelegter Zugewinn an Genauigkeit fehlt; kein Ausschluss, wenn sie fehlen
Fragebogen und Skalenvertiefte Exploration der Symptomatik und Begleitbeschwerdendie Diagnose soll nicht ausschließlich auf ihrer Grundlage gestellt werden
Körperliche Untersuchung, Labor, ApparativesUntersuchung obligat; Labor vor einer geplanten Medikationkann eine ADHS nicht beweisen

Wer in Deutschland ADHS bei Erwachsenen diagnostizieren darf

Die Leitlinie benennt den Kreis konkret: Die diagnostische Abklärung sollte bei Erwachsenen durch Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin oder durch ärztliche oder Psychologische Psychotherapeut:innen vorgenommen werden – jeweils mit profunder Kenntnis der Symptomausprägungen im Erwachsenenalter und der abzugrenzenden Störungen. Bei Hinweisen auf begleitende Erkrankungen sollte an Spezialist:innen des Fachgebiets überwiesen werden, falls die eigenen Möglichkeiten zur Abklärung und Behandlung nicht ausreichen. „Sollte" ist hier die zweite Empfehlungsstufe – nicht die stärkste.

Der rechtliche Rahmen dahinter ist enger, als viele Angebote im Netz vermuten lassen. Nach § 1 Abs. 2 Psychotherapeutengesetz ist Ausübung von Psychotherapie jede berufs- oder geschäftsmäßige Tätigkeit „zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert" mittels wissenschaftlich geprüfter Verfahren – die Feststellung ist Teil der Definition, und wer unter der Berufsbezeichnung Psychotherapeut arbeiten will, braucht eine Approbation. § 1 Heilpraktikergesetz stellt zudem jede Tätigkeit „zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen" unter Erlaubnispflicht. Wer weder Arzt noch approbiert noch Erlaubnisinhaber ist, darf keine Diagnose stellen – auch nicht, wenn er es „Einschätzung" oder „Screening" nennt. Welche Bezeichnungen geschützt sind, steht unter Online-Psychotherapeut finden.

BerufsgruppeDiagnose stellen und kodierenPsychotherapie zulasten der GKVStimulanzien verordnen
Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, psychosomatische Medizinjamit Kassenzulassungja
Ärztliche Psychotherapeut:innenjamit Kassenzulassungja
Psychologische Psychotherapeut:innen (approbiert)ja; körperliche Untersuchung sollte zusätzlich ärztlich erfolgenmit Kassenzulassungnein
Psycholog:innen ohne Approbationneinneinnein
Coaches, Berater:innen, Heilpraktiker:innen für Psychotherapieneinneinnein
Onlinetest, App, Chatbotneinneinnein

Die härteste Grenze: Stimulanzien dürfen nur ärztlich verordnet werden

Dieser Punkt steht nicht in einer Leitlinie, sondern im Gesetz – und an ihm hören alle Online-Angebote endgültig auf. Die in der ADHS-Behandlung eingesetzten Stimulanzien – Methylphenidat, Amfetamin und Lisdexamfetamin – sind in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes als verkehrs- und verschreibungsfähige Betäubungsmittel aufgeführt. Nach § 13 Abs. 1 BtMG dürfen sie „nur von Ärzten, Zahnärzten und Tierärzten" verschrieben werden – und auch das nur, wenn die Anwendung begründet ist und der Zweck nicht anders erreicht werden kann. Nach § 8 der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung geht das ausschließlich auf einem dreiteiligen amtlichen Formblatt, dem Betäubungsmittelrezept, das das BfArM über die Bundesopiumstelle auf Anforderung an die einzelne verschreibende Person ausgibt.

Was daraus folgt, unmissverständlich: Eine Psychologische Psychotherapeutin kann dir kein Stimulans verordnen – nicht aus Vorsicht, sondern weil sie nach § 13 Abs. 1 BtMG dazu nicht befugt ist. Eine Beratungsplattform kann es erst recht nicht, egal in welchem Land sie sitzt – der US-Anbieter Talkspace etwa vermittelt laut Anbieter psychiatrische Termine, stellt verschreibungspflichtige Stimulanzien aber ausdrücklich nicht aus (Talkspace im Testbericht). Wer im Internet eine Behandlung verspricht, die Medikamente einschließt, ohne dass eine deutsche Ärztin oder ein deutscher Arzt dich untersucht hat, verspricht etwas, das er nicht liefern kann. Auch die Alternativen Atomoxetin und Guanfacin sind verschreibungspflichtig und damit ärztlich gebunden.

Eine oft missverstandene Besonderheit: Methylphenidat war lange nur für Kinder und Jugendliche zugelassen. Das BfArM stimmte im April 2011 erstmals einer Indikationserweiterung auf Erwachsene zu – möglich sind damit die Fortführung einer früher begonnenen Behandlung und die Neueinstellung Erwachsener, wenn die ADHS bereits seit dem Kindesalter bestanden hat, im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie.

Auch innerhalb der Ärzteschaft ist der Kreis nicht beliebig. Die medikamentöse Behandlung Erwachsener soll laut Leitlinie von Ärzt:innen mit profunden Kenntnissen zu ADHS, zur Psychopharmakotherapie und zu den häufigen Begleiterkrankungen erfolgen; bei zusätzlichem Substanzmissbrauch sollte sie durch Spezialist:innen für ADHS und Sucht erfolgen — hier setzt die Leitlinie den schwächeren Empfehlungsgrad. Die Entscheidung soll erst nach gesicherter Diagnose fallen, die Indikation jährlich überprüft werden; Folgeverordnungen durch die Hausarztpraxis sind nur in Ausnahmefällen vorgesehen.

Was die Leitlinie zur Behandlung bei Erwachsenen empfiehlt

Die Behandlung soll laut Leitlinie im Rahmen eines multimodalen therapeutischen Gesamtkonzepts erfolgen, in dem psychosoziale – einschließlich psychotherapeutischer – und pharmakologische Maßnahmen kombiniert werden können, abgestimmt auf Symptomatik, Funktionsniveau, Teilhabe und deine Präferenzen. Multimodal heißt nicht „alles gleichzeitig", sondern: kein Baustein wird für sich als die Behandlung ausgegeben.

Grundlage ist die Psychoedukation. Sie soll allen angeboten werden, die die Diagnose im Erwachsenenalter erhalten, und ist Basisstrategie jeder weiteren Intervention: ein tragfähiges Verständnis des Störungsbildes, seiner Ursachen und der funktionellen Einschränkungen, dazu die Behandlungsmöglichkeiten – damit du mitentscheiden kannst und nicht nur einwilligst. Der Blick soll ausdrücklich auch auf Stärken und Ressourcen gehen.

Besteht eine Indikation für eine Psychotherapie, sollte die kognitive Verhaltenstherapie angewendet werden, als Einzel- oder Gruppenbehandlung. Ihr Ziel ist praktisch: Fertigkeiten im Lösen von Problemen, Techniken zur Reduktion von Ablenkbarkeit, Umgang mit Stress – und die Prüfung dysfunktionaler Überzeugungen, die sich über Jahrzehnte des Scheiterns an Alltagsanforderungen aufgebaut haben. Daneben nennt die Leitlinie metakognitive Therapie, Fertigkeitentrainings mit Elementen der dialektisch behavioralen Therapie, achtsamkeitsbasierte Interventionen sowie Coaching als supportive Intervention. Wie sich diese Verfahren unterscheiden und wo die Grenze zwischen Psychotherapie, Beratung und Coaching liegt, steht in Therapieformen im Überblick.

Eine Verschiebung gegenüber der Behandlung von Kindern ist wichtig zu wissen: Während im Kindes- und Jugendalter bei leichter Ausprägung primär psychosozial interveniert werden soll, wird im Erwachsenenalter eine Pharmakotherapie – neben der Psychoedukation – auch bei leichter und mittelgradiger Ausprägung als primäre Option angesehen, sofern das deiner Präferenz entspricht. Umgekehrt soll eine psychosoziale Behandlung besonders denen angeboten werden, die die Diagnose erst als Erwachsene erhalten, die sich gegen eine Medikation entscheiden oder bei denen Gegenanzeigen bestehen, die unter Medikation noch Symptome haben oder mit der Akzeptanz der Diagnose kämpfen.

BausteinWas die Leitlinie sagtWer es durchführt
Psychoedukationsoll allen mit Diagnose im Erwachsenenalter angeboten werden; Basis aller weiteren Interventionenärztliche und psychotherapeutische Fachkräfte
Kognitive Verhaltenstherapiesollte angewendet werden, wenn eine Indikation besteht; Einzel- oder Gruppenformatapprobierte Psychotherapeut:innen
Weitere psychosoziale Ansätzemetakognitive Therapie, Fertigkeitentrainings, Achtsamkeit; Coaching als supportive Interventionunterschiedlich qualifizierte Berufsgruppen
Pharmakotherapieauch bei leichter und mittelgradiger Ausprägung primäre Option; Stimulanzien, Atomoxetin, Guanfacin je nach Zulassungsstatusausschließlich Ärzt:innen mit einschlägiger Erfahrung
Begleiterkrankungenleitliniengerecht behandeln; Reihenfolge nach Schweregradje nach Störungsbild
Settingin der Regel ambulant; stationär erst nach nicht erfolgreicher ambulanter Behandlung oder bei akuter Eigen- oder FremdgefährdungPraxis, Ambulanz, Klinik

Begleiterkrankungen – und warum sie die Diagnostik erschweren

Eine isolierte ADHS ist die Ausnahme. Nach den in der Leitlinie zusammengetragenen Daten besteht bei bis zu 85 Prozent der Betroffenen mindestens eine weitere psychische Erkrankung, in etwa 60 Prozent der Fälle mehrere. Im Erwachsenenalter verschiebt sich das Bild: Störungen des Sozialverhaltens nehmen ab, dafür treten Substanzkonsumstörungen, affektive Störungen, Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen in den Vordergrund. Die Angaben zu affektiven Störungen schwanken erheblich – die Leitlinie nennt 10 bis 78 Prozent für die unipolare Depression und 3 bis 14 Prozent für bipolare Störungen. Bei Sucht gilt beides: erhöhte Raten bei ADHS – und überdurchschnittlich viele Menschen mit Abhängigkeitserkrankung, bei denen eine ADHS vorliegt.

Für die Abklärung ist das der eigentliche Schwierigkeitsgrad, in drei Richtungen.

  • Andere Störungen machen ADHS-ähnliche Symptome. Die Leitlinie listet als Differenzialdiagnosen unter anderem depressive Störungen, Angststörungen, bipolare Störungen, Substanzkonsum, Hyperarousal bei einer posttraumatischen Belastungsstörung, Schlafstörungen einschließlich Schlafapnoe, Persönlichkeitsstörungen mit Desorganisation und emotionaler Dysregulation sowie körperliche Ursachen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Seh- und Hörstörungen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ordnet sie eher als Differenzialdiagnose ein, nicht als Begleiterkrankung.
  • ADHS erzeugt andere Störungen. Angst und vor allem depressive Störungen entstehen häufig erst als Folge – über Misserfolgserfahrungen, soziale Schwierigkeiten und ein niedriges Selbstwertgefühl. Wer mit 35 wegen einer Depression in Behandlung kommt, hat unter Umständen eine unerkannte ADHS als Grundlage.
  • Die Reihenfolge ist eine Entscheidung. Begleiterkrankungen sollen leitliniengerecht behandelt werden; welche zuerst, richtet sich nach dem Schweregrad. Eine schwere depressive Episode oder eine akute Abhängigkeit wartet nicht auf die ADHS-Diagnostik – und eine belastbare Abklärung ist unter aktivem Konsum schwer zu leisten.

Zu den häufigsten Begleitbildern haben wir eigene Einordnungen: Depressionen und Angststörungen.

Zugang und Wartezeiten: warum die Abklärung schwer zu bekommen ist

Die Nachfrage ist in kurzer Zeit stark gestiegen. Eine Auswertung bundesweiter vertragsärztlicher Abrechnungsdaten im Deutschen Ärzteblatt zeigt für gesetzlich Versicherte ab 18 Jahren einen Anstieg der Neudiagnosen von 8,6 auf 25,7 pro 10.000 zwischen 2015 und 2024 – rund 199 Prozent. Am stärksten stiegen die Inzidenzen bei Frauen unter 40 – dort um 277 bis 533 Prozent. Die Autor:innen führen das auf stärkere Sensibilisierung, die Einführung des Kodes F98.80 und Pandemiefolgen zurück und bewerten den Anstieg angesichts des Leidensdrucks eher positiv.

Diese Nachfrage trifft auf ein System, das vorher schon knapp war: Die Bundespsychotherapeutenkammer hat für die Psychotherapie insgesamt in ihrer Erhebung von 2018 rund 20 Wochen zwischen Erstanfrage und Behandlungsbeginn ermittelt; eine neuere bundesweite Erhebung liegt nicht vor. Für die ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen speziell existiert nach unserer Recherche keine belastbare bundesweite Erhebung – kursierende Angaben von sechs bis achtzehn Monaten stammen aus Anbieterveröffentlichungen, nicht aus einer Primärquelle. Wir nennen deshalb keine Zahl.

Beim Zugang gibt es einen Punkt, den viele nicht kennen. Über den Patientenservice 116 117 lassen sich Termine ohne Überweisung und ohne Vermittlungscode nur bei Haus-, Frauen-, Augen- sowie Kinder- und Jugendärzt:innen buchen, dazu ein einmaliger psychotherapeutischer Sprechstundentermin. Für alle anderen Fachgebiete, also auch Psychiatrie und Nervenheilkunde, brauchst du einen Vermittlungscode, den dir eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis ausstellt. Erster Schritt ist damit meist die Hausarztpraxis.

Den Weg über die gesetzliche Krankenversicherung – Sprechstunde, Probatorik, Anträge, Fristen der Terminservicestelle – haben wir unter Therapieplatz finden aufgeschrieben. Ist in zumutbarer Zeit kein Platz zu bekommen, greift unter Umständen das Kostenerstattungsverfahren nach § 13 Abs. 3 SGB V; die Voraussetzungen stehen unter Zahlt die Krankenkasse Online-Therapie?.

Was Online-Angebote bei ADHS leisten können – und was nicht

„Online" ist keine Kategorie, sondern ein Übertragungsweg. Was ein Angebot darf, hängt daran, was es rechtlich ist – vier Formate sind zu unterscheiden. Was diese Formate allgemein leisten, ordnet Therapieformen im Überblick ein; hier geht es um die ADHS-spezifische Frage, was ein Format für Diagnostik, Kindheitsanamnese und Medikation bedeuten kann.

Videosprechstunde bei approbierten Fachkräften. Reguläre Versorgung, nur per Bildschirm. Nahezu alle Leistungen der Psychotherapie-Richtlinie sind inzwischen per Video möglich, seit Anfang 2025 auch Sprechstunde und Probatorik; empfohlen wird, den jeweils ersten Termin persönlich wahrzunehmen. Praxen dürfen dabei nur einen Teil ihrer Behandlungsfälle ausschließlich per Video versorgen; die Kontingente und ihre Zählweise stehen im Abschnitt „Die 50-Prozent-Grenze" unter Online-Psychotherapeut finden. Für die ADHS-Diagnostik heißt das: Teile der Abklärung können per Video laufen, die obligate körperliche Untersuchung nicht.

DiGA auf Rezept. Für Erwachsene mit ADHS sind digitale Gesundheitsanwendungen im BfArM-Verzeichnis gelistet; für gesetzlich Versicherte trägt die Kasse die Kosten nach § 33a SGB V. Sie setzen eine bestehende Diagnose voraus, sie stellen keine.

Welche DiGA es für Erwachsene mit ADHS gibt

Im DiGA-Verzeichnis des BfArM sind am 25. September 2026 zwei Anwendungen für Erwachsene mit ADHS gelistet:

AnwendungHerstellerStatus im VerzeichnisIndikation
attexis – die digitale Therapie bei ADHS im ErwachsenenalterGAIA AGdauerhaft aufgenommenF90.0, F90.1
ORIKO ADHS-TherapieMiNDNET e-Health Solutions GmbHvorläufig aufgenommenF90.0

Der Unterschied im Status ist wichtig. Dauerhaft aufgenommen heißt, dass der Hersteller den Nutzen gegenüber dem BfArM nachgewiesen hat. Vorläufig aufgenommen heißt, dass die Anwendung schon erstattet wird, der Nachweis aber noch in einer befristeten Erprobungsphase erbracht werden muss. Gelingt er nicht, wird die Anwendung wieder aus dem Verzeichnis gestrichen. Beide Apps arbeiten nach Herstellerangaben mit Bausteinen der kognitiven Verhaltenstherapie; über ihre Wirksamkeit im Einzelfall sagt der Eintrag nichts aus.

Wer im Verzeichnis nach „ADHS" sucht, findet außerdem ein Elterntraining. Es richtet sich an Eltern von Kindern mit ADHS und ist für Erwachsene mit eigener Diagnose nicht gedacht.

So kommst du an die App. Entweder verordnet sie dir deine Ärztin, dein Arzt oder deine Psychotherapeutin beziehungsweise dein Psychotherapeut, oder du beantragst sie mit einem Nachweis der Diagnose direkt bei deiner Krankenkasse. In beiden Fällen bekommst du von der Kasse einen Freischaltcode, mit dem du die App aktivierst. Für gesetzlich Versicherte ist sie in der Regel kostenfrei. Wie das Verfahren im Einzelnen läuft, erklärt DiGA bei psychischen Beschwerden. Einträge im Verzeichnis ändern sich laufend – prüfe den aktuellen Stand vor der Verordnung dort.

Selbstlernprogramme ohne Diagnostik. Kommerzielle Programme arbeiten meist mit Modulen auf verhaltenstherapeutischer Grundlage; sie sind keine Medizinprodukte, keine Kassenleistung und keine Diagnostik. Online-Therapy.com etwa ist ein solches Programm nach dem Muster der kognitiven Verhaltenstherapie, allerdings ausschließlich auf Englisch – Preise und Grenzen in unserem Testbericht zu Online-Therapy.com. Wenn Englisch für dich kein Hindernis ist, lohnt zusätzlich Therapie auf Englisch in Deutschland.

Psychologische Beratung. Beratungsangebote setzen bei der Alltagsbewältigung an – Struktur, Zeitplanung, Umgang mit Aufschieben, Entlastung von Selbstvorwürfen; sie sind in der Regel ohne Wartelistenverfahren buchbar. Beratung ersetzt aber keine Psychotherapie und bei einer Erkrankung keine Behandlung; sie stellt keine Diagnose und verordnet keine Medikamente. Wer eine behandlungsbedürftige Erkrankung hat, gehört in die Versorgung, nicht in ein Beratungsabo.

Anzeige. Diese Übersicht enthält Affiliate-Links – schließt du darüber ab, erhalten wir eine Provision, für dich ohne Mehrkosten. Die Einordnung folgt unserer Bewertungsmethodik. Keines dieser Angebote führt eine ADHS-Diagnostik durch. Die Stichpunkte und Preise geben Angaben der Anbieter wieder (Stand: September 2026). Instahelp und Beavivo vergüten uns nicht.

  1. 1
    Beavivo ★★★★★
    • Approbierte Psychologische Psychotherapeut:innen
    • Ausschließlich Verhaltenstherapie
    • Kostenloses Infogespräch

    Psychotherapie nach deutschem Recht per Video durch approbierte Psychologische Psychotherapeut:innen, Sitz Hamburg; über 40 Profile nach eigener Zählung im Therapeut:innen-Verzeichnis (Stand: September 2026), eine Gesamtzahl nennt der Anbieter nicht. Die Leitlinie empfiehlt bei entsprechender Indikation kognitive Verhaltenstherapie; laut Anbieter wird ausschließlich verhaltenstherapeutisch gearbeitet – eine Aussage über die Qualität im Einzelfall ist damit nicht verbunden. 134,06 € pro Sitzung à 50 Minuten laut Anbieter (Stand: September 2026).

  2. 2
    Instahelp ★★★★★
    • Kein Abo, Buchung pro Sitzung
    • Deutschsprachig
    • Video, Telefon oder Livechat

    Psychologische Beratung, laut Anbieter durch über 400 Klinische- und Gesundheitspsycholog:innen beziehungsweise psychologische Psychotherapeut:innen nach österreichischem Recht mit mindestens drei Jahren Erfahrung – ohne deutsche Approbation, Sitz Graz. Keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und keine Diagnostik. Erstgespräch 49 € für 30 Minuten, Standardsitzung 59 € für 30 bzw. 89 € für 50 Minuten laut Anbieter (Stand: September 2026).

  3. 3
    BetterHelp ★★★★★
    • Matching laut Anbieter in wenigen Stunden bis Tagen
    • Video, Telefon, Chat und Nachrichten
    • Jederzeit kündbar

    Beratung bzw. Counseling. Laut Anbieter über 30.000 qualifizierte Berater:innen; deutschsprachige Berater:innen sind im Netzwerk vertreten, eine Zahl dazu veröffentlicht der Anbieter nicht. 45–90 € pro Woche laut Anbieter, abgerechnet auf Wochenbasis (Stand: September 2026). Eine Erstattung durch deutsche Krankenkassen gibt es nicht. Diagnose und Medikation gehören zu einer ärztlichen Abklärung.

Der Sinn dieser Angebote ist ein anderer als der einer Abklärung: die Zeit bis zum Facharzttermin nicht allein durchzustehen.

Vier Warnzeichen bei ADHS-Angeboten

Keines dieser Zeichen betrifft deine Symptome, alle das Angebot: eine Diagnose ohne körperliche Untersuchung, die die Leitlinie als obligat beschreibt; ein Fragebogen als alleinige Grundlage der Diagnose, was die Leitlinie ausschließt; ein Medikamentenversprechen ohne deutsche Ärztin oder deutschen Arzt, das keinen legalen Weg beschreibt; und unklare Qualifikationen – frage nach Approbation, Facharzttitel und Kassenzulassung, wer ausweichend antwortet, hat die Frage beantwortet. Die Merkmale unseriöser Angebote unabhängig vom Störungsbild stehen unter Online-Psychotherapeut finden.

Der praktische Weg, wenn du eine Abklärung willst

  1. Sammle, was du hast. Alte Zeugnisse, Erinnerungen von Eltern oder Geschwistern zur Kindheit, dazu eine eigene Aufstellung: Wo scheitert dein Alltag, seit wann, mit welchen Folgen. Konkrete Beispiele zählen in der Exploration mehr als Selbsteinschätzungen.
  2. Frage in der Hausarztpraxis nach der Überweisung mit Vermittlungscode zur fachärztlichen Abklärung – nicht nach einem Test. Ohne Code vermittelt die 116 117 keinen psychiatrischen Termin.
  3. Suche parallel selbst. Die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung deines Bundeslandes lässt sich nach Fachgebiet filtern; Hochschul- und Klinikambulanzen haben häufig ADHS-Schwerpunkte. Führe eine Liste mit Datum und Ergebnis jeder Anfrage – Grundlage für eine mögliche Kostenerstattung.
  4. Kläre die Begleitbeschwerden mit. Steht eine Depression, eine Angststörung, eine Schlafstörung oder ein Substanzproblem im Raum, benenne es beim ersten Termin – es ändert die Reihenfolge und manchmal die Diagnose.
  5. Überbrücke die Wartezeit bewusst – mit Selbsthilfegruppen, bei entsprechender Diagnose einer DiGA auf Rezept, sonst Beratung.

Wichtiger Hinweis: Die vorgestellten privaten Angebote sind kein Notfalldienst. Wenn du dich in einer akuten Krise befindest oder Suizidgedanken hast, hol dir bitte sofort Unterstützung: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr), ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117, im Notfall 112. Die psychiatrische Notaufnahme einer Klinik ist rund um die Uhr ohne Termin erreichbar. Bei einem Suchtproblem beraten die Suchtberatungsstellen der Träger kostenfrei.

Häufige Fragen zu ADHS bei Erwachsenen

Gibt es einen zuverlässigen ADHS-Test für Erwachsene im Internet?

Nein. Es gibt normierte Fragebogenverfahren – etwa die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene, die Conners-Skalen für Erwachsene oder das ADHS-Interview aus der Integrierten Diagnose für ADHS im Erwachsenenalter. Sie sind Fachpersonen vorbehalten, und die S3-Leitlinie legt fest, dass die Diagnose nicht ausschließlich auf der Grundlage von Fragebogenverfahren gestellt werden soll; zur vertieften Exploration sollten sie dagegen eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B). Ein frei zugänglicher Onlinetest ersetzt weder Kindheitsanamnese noch Differenzialdiagnostik noch die obligate körperliche Untersuchung; sein Ergebnis trägt keinen ICD-Code.

Wie läuft eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen ab?

Grundlage ist eine umfassende strukturierte Exploration: aktuelle Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen, die daraus folgenden Einschränkungen, die Entwicklungsgeschichte, begleitende Beschwerden und die Familienanamnese. Dazu kommen Verhaltensbeobachtung, psychopathologische Beurteilung und eine körperliche und neurologische Untersuchung. Fragebogen und testpsychologische Verfahren ergänzen, entscheiden aber nicht.

Wer darf bei Erwachsenen eine ADHS diagnostizieren?

Nach der S3-Leitlinie sollte die Abklärung durch Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin oder durch ärztliche oder Psychologische Psychotherapeut:innen vorgenommen werden. Stellt eine Psychologische Psychotherapeutin die Diagnose, sollte die körperliche Untersuchung zusätzlich ärztlich erfolgen. Coaches, Berater:innen ohne Approbation und Apps dürfen keine Diagnose stellen; die Feststellung von Störungen mit Krankheitswert ist nach Psychotherapeutengesetz und Heilpraktikergesetz erlaubnispflichtig.

Brauche ich Schulzeugnisse für die Diagnose?

Hilfreich ja, notwendig nein. Beide Klassifikationssysteme verlangen Hinweise auf eine Symptomatik in der Kindheit – ICD-10 einen Beginn vor dem siebten Lebensjahr, DSM-5 mehrere Symptome vor dem Alter von zwölf Jahren. Schulzeugnisse können solche Hinweise enthalten, ihre diagnostische Validität ist laut Leitlinie aber nicht belegt. Fehlen sie, wird die Kindheit über die Anamnese rekonstruiert.

Kann mir eine Psychotherapeutin Medikamente gegen ADHS verschreiben?

Nein. Methylphenidat, Amfetamin und Lisdexamfetamin stehen in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes; nach § 13 Abs. 1 BtMG dürfen sie nur von Ärzt:innen, Zahnärzt:innen und Tierärzt:innen verschrieben werden, und nach § 8 BtMVV nur auf einem dreiteiligen amtlichen Betäubungsmittelrezept. Auch Atomoxetin und Guanfacin sind verschreibungspflichtig und damit ärztlich gebunden.

Was empfiehlt die Leitlinie zur Behandlung von ADHS bei Erwachsenen?

Eine Behandlung im Rahmen eines multimodalen Gesamtkonzepts. Psychoedukation soll allen angeboten werden, die die Diagnose im Erwachsenenalter erhalten, und ist Basisstrategie aller weiteren Interventionen. Besteht eine Indikation für eine Psychotherapie, sollte die kognitive Verhaltenstherapie angewendet werden; daneben nennt die Leitlinie metakognitive Therapie, Fertigkeitentrainings, achtsamkeitsbasierte Interventionen und Coaching als supportive Intervention. Anders als bei Kindern wird im Erwachsenenalter eine Pharmakotherapie auch bei leichter und mittelgradiger Ausprägung als primäre Option angesehen.

Wie lange muss ich auf eine ADHS-Diagnostik warten?

Eine belastbare bundesweite Zahl gibt es nach unserer Recherche nicht, deshalb nennen wir keine. Belegt ist der Nachfrageanstieg: Die Neudiagnosen bei Erwachsenen nahmen zwischen 2015 und 2024 von 8,6 auf 25,7 pro 10.000 gesetzlich Versicherte zu. Für die Psychotherapie insgesamt hat die Bundespsychotherapeutenkammer 2018 rund 20 Wochen ermittelt; eine neuere bundesweite Erhebung liegt nicht vor.

Warum wird ADHS bei Erwachsenen oft erst spät erkannt?

Zum einen verschiebt sich das Symptombild: Die hyperaktiv-impulsive Symptomatik geht über die Jahre eher zurück, die Unaufmerksamkeit bleibt – und fällt weniger auf. Zum anderen sind Begleiterkrankungen die Regel: Bei bis zu 85 Prozent der Betroffenen liegt mindestens eine weitere psychische Erkrankung vor. Depression, Angst und Substanzkonsum werden dann behandelt, während die ADHS unerkannt bleibt – und umgekehrt können dieselben Störungen ADHS-ähnliche Symptome erzeugen.

Quellen

  • AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie „ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter" (Register-Nr. 028-045), Federführung DGKJP, DGPPN, DGSPJ, Langfassung Version 1.0, Juni 2018 – Gültigkeit am 01.05.2022 abgelaufen, die Aktualisierung liegt als Konsultationsfassung vor. Belegt: Empfehlungen zu diagnostizierenden Berufsgruppen (II.1.1.2, „sollte"), zu den routinemäßigen diagnostischen Maßnahmen und zur obligaten körperlichen Untersuchung (II.1.1.3, „soll"), zu Fragebogenverfahren (II.1.1.5, „nicht ausschließlich") und psychologischen Tests (II.1.1.6), Differenzialdiagnosen, Begleiterkrankungen, Psychoedukation, Psychotherapie, Vorgaben zur Medikation sowie die referierten Register-Befunde zu Verkehrsunfällen und Mortalität.
  • Dalsgaard S, Østergaard SD, Leckman JF, Mortensen PB, Pedersen MG: Mortality in children, adolescents, and adults with attention deficit hyperactivity disorder: a nationwide cohort study, The Lancet 2015;385(9983):2190–2196 – dänische Registerkohorte mit 1,92 Mio. Personen, davon 32.061 mit ADHS; diese Studie liegt der in der S3-Leitlinie referierten Mortalitätsangabe zugrunde.
  • § 13 Betäubungsmittelgesetz und Anlage III BtMG – Verschreibungsbefugnis nur für Ärzt:innen, Zahnärzt:innen, Tierärzt:innen.
  • § 8 Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung – amtliches Betäubungsmittelrezept, Ausgabe durch das BfArM.
  • BfArM: Methylphenidat auch für Erwachsene – BfArM erweitert Zulassung (April 2011).
  • § 1 Psychotherapeutengesetz und § 1 Heilpraktikergesetz – Approbation und Erlaubnispflicht für die Ausübung der Heilkunde.
  • BfArM: ICD-10-GM, Block F90–F98 – Kodes F90.0 bis F90.9 und F98.80.
  • Ivanova M, Holstiege J, Akmatov MK, Müller S, Kohring C: Inzidenz von AD(H)S-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen, Deutsches Ärzteblatt International 2025, DOI 10.3238/arztebl.m2025.0167 – Neudiagnosen 2015 bis 2024.
  • Bundespsychotherapeutenkammer: Rund 20 Wochen Wartezeit auf psychotherapeutische Behandlung, Pressemitteilung vom 11. April 2018 zur BPtK-Studie Wartezeiten 2018.
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung: 116 117 Terminservice.
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung: Videosprechstunden in größerem Umfang möglich und Sprechstunde und Probatorik per Video – Leistungsumfang per Video; zur Obergrenze zuletzt Einheitliche Obergrenze für alle (rückwirkend ab 1. April 2025; die frühere 30-Prozent-Grenze für unbekannte Patient:innen ist entfallen).
  • BfArM: DiGA-Verzeichnis.
  • Anbieterangaben, abgerufen am 8. September 2026. Wir geben die Adressen als Text an, weil wir zu einem Teil dieser Anbieter in einem Partnerprogramm stehen und Verweise dorthin nur über die gekennzeichneten Links laufen. Beavivo, beavivo.de und beavivo.de/haeufige-fragen/: Sitzungspreis 134,06 € für 50 Minuten, kostenloses Informationsgespräch, kognitive Verhaltenstherapie, Sitz Hamburg. Eine Gesamtzahl der Fachkräfte nennt der Anbieter nicht – „über 40" ist unsere eigene Zählung der im Verzeichnis veröffentlichten Profile, Stand September 2026.
  • Instahelp, instahelp.me/de/ueber-uns/: Anforderung „Klinische:r oder Gesundheitspsycholog:in bzw. psychologische Psychotherapeut:in", mindestens drei Jahre Erfahrung in der Face-to-Face-Arbeit, universitäre Zusatzausbildung Onlineberatung. instahelp.me/de/: Angabe „400+". instahelp.me/de/preise/: Erstgespräch 49 € für 30 Minuten, Standardsitzung 59 € für 30 und 89 € für 50 Minuten, Paarsitzung 159 € für 75 Minuten, kein Abo; Unternehmenssitz Graz, Insta Communications GmbH.
  • betterhelp.com/faq/: Kostenangabe „45 € to 90 € per week", Matching „a few hours or a few days"; betterhelp.com/about-us/: Angabe zur Netzwerkgröße von über 30.000 qualifizierten Berater:innen. Eine Zahl deutschsprachiger Berater:innen nennt der Anbieter dort nicht, ebenso keine Zusage zu einer festen Frist für die Zuordnung. Das Angebot ist Beratung bzw. Counseling und keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland.

Dieser Artikel gibt den Stand von September 2026 wieder und ersetzt keine Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Zu Ansprüchen gegenüber der Krankenkasse beraten die Psychotherapeutenkammer deines Bundeslandes und die unabhängige Patientenberatung kostenfrei.