Der Wandel der Psychotherapie in der COVID-19-Pandemie: Von der Präsenzsitzung zur Online-Therapie
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Die COVID-19-Pandemie hat die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland und weltweit innerhalb weniger Wochen grundlegend verändert. Was zuvor als Nische galt – die Durchführung von Therapiegesprächen per Video oder Telefon – wurde innerhalb kürzester Zeit zum Standard. Dieser Beitrag beleuchtet, wie sich der Wandel von der Präsenzsitzung zur Online-Psychotherapie vollzogen hat, welche wissenschaftliche Evidenz ihn trägt und welche strukturellen Folgen er für die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland hinterlassen hat.
Der Digitalisierungsschub durch die Pandemie
Vor dem Frühjahr 2020 nutzten nur wenige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deutschland digitale Formate. Laut einer Befragung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) aus dem Jahr 2020 hatten vor der Pandemie lediglich 2 % der befragten Therapeut:innen Video-Sitzungen durchgeführt. Während der Pandemie stieg dieser Anteil auf 77 % – ein Anstieg um das fast Vierzigfache innerhalb weniger Monate.
Ausgelöst wurde dieser Schub durch eine Kombination aus Kontaktbeschränkungen, Praxisschließungen und einer sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach psychologischer Unterstützung. Gleichzeitig führte die verlängerte Isolation zu einer deutlichen Zunahme psychischer Belastungen in der Bevölkerung. Studien aus dieser Zeit dokumentierten erhöhte Prävalenzraten für Angststörungen und Depressionen, insbesondere bei jungen Erwachsenen und Menschen in Kurzarbeit oder Quarantäne.
Rechtliche und strukturelle Anpassungen in Deutschland
Ermöglicht wurde die rasche Umstellung durch temporäre Lockerungen der Abrechnungsregeln. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte bereits 2019 die Videosprechstunde für psychotherapeutische Behandlungen zugelassen, allerdings mit einer Begrenzung auf 20 % der Gesamtbehandlungszeit. Diese Begrenzung wurde zu Beginn der Pandemie zunächst vollständig aufgehoben, um die Versorgungskontinuität zu gewährleisten.
Die gesetzlichen Krankenkassen ermöglichten die vollständige Abrechnung von Videositzungen über die Telematik-Infrastruktur. Für Patient:innen bedeutete das: Keine Unterbrechung laufender Therapien, kein Wegfall des Kassenanspruchs, keine Extrakosten. Langfristig hat der G-BA die Videobehandlung als regulären Bestandteil der psychotherapeutischen Versorgung anerkannt – mit der Möglichkeit, bis zu 30 % der genehmigten Therapiesitzungen per Video abzuhalten.
Wirksamkeit von Online-Psychotherapie – was die Forschung zeigt
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit internetbasierter psychologischer Interventionen ist substanziell. Eine viel zitierte Metaanalyse von Andersson et al. (2019), veröffentlicht in World Psychiatry, kommt zu dem Ergebnis, dass internetbasierte kognitive Verhaltenstherapie (iCBT) bei Depressionen und Angststörungen vergleichbare Effekte erzielt wie die Behandlung im direkten Kontakt. Die Effektstärken lagen für depressive Symptome im mittleren bis hohen Bereich (d = 0,61–0,99).
Für therapeutengeleitete Formate – also Sitzungen per Video mit einem approbierten Therapeuten statt rein selbstgesteuerter Programme – sind die Befunde besonders konsistent. Einschränkungen bestehen bei Patientengruppen mit schweren psychotischen Störungen, akuter Suizidalität oder erheblichem Unterstützungsbedarf bei der Bedienung digitaler Geräte.
Eine relevante Lücke bleibt die therapeutische Beziehung: Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die Arbeitsallianz in Video-Therapien ähnlich ausgeprägt sein kann wie in Präsenzsitzungen – jedoch ist die Datenlage heterogen und abhängig vom jeweiligen Format, der Diagnose und der Vorerfahrung der Beteiligten.
Langfristige Auswirkungen auf die psychotherapeutische Versorgung
Der durch die Pandemie erzwungene Wechsel hat bleibende Spuren hinterlassen. Auch nach dem Ende der umfassenden Schutzmaßnahmen ist die Nutzung digitaler Formate auf einem deutlich höheren Niveau geblieben als vor 2020. Das belegt unter anderem die Inanspruchnahmestatistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die seit 2021 regelmäßig erhebt, welcher Anteil der abgerechneten Psychotherapiestunden auf Videositzungen entfällt.
Gleichzeitig sind kommerzielle Online-Therapie-Plattformen in den deutschsprachigen Markt eingetreten oder haben dort ihre Nutzerzahlen ausgebaut. Anbieter wie Instahelp oder Beavivo ermöglichen Therapiegespräche mit approbierten Psychotherapeuten ohne die langen Wartezeiten des Kassensystems – allerdings ausschließlich auf Selbstzahlerbasis. Internationale Plattformen wie BetterHelp richten sich vorrangig an englischsprachige Nutzer.
Die Diskussion darüber, ob digitale Formate die strukturellen Versorgungsprobleme im deutschen Gesundheitssystem – insbesondere die durchschnittliche Wartezeit von mehreren Monaten auf einen Kassensitzungsplatz – lösen können, ist noch nicht abgeschlossen. Digitale Angebote können die Wartezeit überbrücken und Hürden der Inanspruchnahme senken; sie ersetzen jedoch keine langfristige ambulante Psychotherapie mit Kassenzulassung.
Fazit
Die Pandemie hat einen Transformationsprozess in der Psychotherapie beschleunigt, der bereits vorher begonnen hatte. Videositzungen und internetbasierte Interventionen sind keine Notlösung mehr, sondern ein anerkannter und wissenschaftlich belegter Bestandteil des therapeutischen Spektrums. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Entwicklung regulatorisch, qualitativ und versorgungspolitisch so zu gestalten, dass alle Bevölkerungsgruppen – unabhängig von technischer Ausstattung, digitalen Kompetenzen oder finanziellen Mitteln – davon profitieren können.
Quellen
- Andersson, G., Titov, N., Dear, B. F., Rozental, A. & Carlbring, P. (2019). Internet-delivered psychological treatments: from innovation to implementation. World Psychiatry, 18(1), 20–28. doi:10.1002/wps.20610
- Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) (2020). Psychotherapie in Zeiten von Corona – Befragungsergebnisse. bptk.de
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) (2019/2022). Richtlinie zur Durchführung der Videosprechstunde. g-ba.de
- Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV). Informationen zur Online-Psychotherapie. deutschepsychotherapeutenvereinigung.de